Dr. Nors S. Josephson
übermittelt am 19.01.2008
Rezension von Dr. Nors S. Josephson des Buches von Peter Michael Braun,
Musik Überlebt: Aus den Tagebüchern von Peter Michael Braun, Teil 1:
1956-1980 (Arnim Otto Verlag, 63014 Offenbach am Main, 2007).
Peter Michael Braun ist eine der markantesten Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit. Die vorliegenden Tagebuchaufzeichnungen des Komponisten schildern auf eindringlichste Weise, wie er in den 1950er und 1960er Jahren durch verschiedene Stadien der damaligen Avantgarde ging, um schließlich zu einer eindrucksvollen musikalischen Synthese von alten und neuen Gestaltungsmöglichkeiten zu gelangen.
Brauns künstlerisches Weltbild kann nach seinen eigenen Worten als kosmisch-ganzheitlich bezeichnet werden. Wiederholt erwähnt der Komponist die Musik des Mittelalters, in der das geistig-religiöse Element eng mit volkstümlichen Merkmalen verknüpft war. Wie die mittelalterliche Musik die akustisch reinen Intervalle und wiederkehrende rhythmische Strukturen hervorkehrte, so betont auch Braun die Priorität der akustisch wahrnehmbaren Intervalle und des metrisch gegliederten (und doch frei gestalteten) Rhythmus. Beide musikalischen Bereiche werden schließlich in einer aufschlussreichen Eintragung vom Oktober 1975 verbunden, in der Braun erwähnt, dass Rhythmen auch Tonhöhen erzeugen können. Ähnliche synthetische Gedankengänge kommen auch in einer Notiz vom Mai des gleichen Jahres 1975 vor, in der Braun die musikalische Artikulation mit Klangproportionen und Klangschichten in Einklang bringt.
Brauns freischöpferische Ansichten erstrecken sich ebenso auf den Kompositionsunterricht. Am 20. Mai 1977 befürwortet er eigene Meisterklassen und eine undoktrinäre Erörterung von Prinzipien, die wirklich weiterführen können. Nach seiner Meinung sollte ein so kreativer Unterricht Schüler mit überdurchschnittlicher Begabung zu musikalischen Höchstleistungen anspornen. Neben dem Musikunterricht betont Braun ebenso das verwandte Thema der musikalischen Kommunikation, die in der barocken und klassischen Musik des 18. Jahrhunderts eine solch wichtige Rolle spielte. Am 7. Januar 1979 lesen wir z. B., eine Kunstform sei zu Ende, wenn sie nicht mehr kommuniziere und auf Willkür beruhe.
In diesem Zusammenhang sieht Braun auch die Musiktheorie als allgemeinere Theorie der menschlichen Bildung und des Lebens schlechthin. Theorie bedeutet für Braun auch kulturelle Ästhetik, die geistig-seelisch-physische Zusammenhänge beinhaltet.
Brauns zunehmende Faszination mit gebundenen Tonbeziehungen und kommunikablen Intervallnetzen führt ihn wiederholt zu seinen großen Komponistenvorbildern im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, so vor allem Brahms' 3. Symphonie als Symbol der musikalischen Integration und Mahlers 10. Symphonie, in der Braun eine neue und kühne Freiheit des Ausdrucks erkennt. Brauns Forderung nach mehr Kreativität und schöpferischer Intensität verbindet ihn nach seinen eigenen Worten auch mit zeitgenössischen Schriftstellern wie Rilke und Hesse, die (ähnlich Braun) sich nur in einer Art höherer Einsamkeit verwirklichen konnten.
|